Interview mit Sophie Scheder

Sophie Scheder ist gerade in München einerseits um Urlaub zu machen und andererseits Krankengymnastik und Physiotherapie bei Cyrus in Unterhaching. Cyrus betreut mehrere Turnerinnen der deutschen Nationalmannschaft, zum Beispiel Kim Janas, Elisabeth Seitz und Janine Berger, sowie Aliya Mustafina aus Russland. Außerdem hat sie in München soeben ihr erstes Auto von ihrem Sponsor, Arpad Kiss, bekommen.

Ab Donnerstag beginnt ihre WM Vorbereitung in Chemnitz. Von Donnerstag bis Sonntag wird sie Aufbautraining machen um dann am Montag wieder voll ins Training einzusteigen.

Auf eine sehr spontane Anfrage meinerseits, hat sich Sophie sofort für ein Interview bereit erklärt. Auf Grund der Länge des Interviews sind einige Fragen leicht zusammengefasst.

Hast du Physiotherapie aus einem bestimmten Grund? 

Ja, vorallem für mein Knie. Seit letztem Jahr habe ich ein Patellaspitzensyndrom, das bei der WM am schlimmsten war. Ich habe die WM noch durchgezogen musste dann aber auf Boden und Sprung verzichten. Die Bundeswehr Grundausbildung habe ich nur leicht gemerkt und hatte gehoffte, dass es auch im Training besser wird, was nicht der Fall war. Da mich das sehr stark aufgeregt hat, habe ich alles ausprobiert von Stoßwellentherapie bis zum Tiefenlasern, was auf kurze Sicht auch geholfen hat langfristig aber nicht. Beim Bundesligawettkampf in Trauenreut hat mich Cyrus angesprochen zu ihm zu kommen, da ich dort auch trainieren kann. Die Woche darauf haben ich mit Gabi geklärt in meinem Urlaub, da ich sowieso nicht wegfliege, eine komplette Woche Physio zu machen und ich hoffe, dass wir das jetzt in den Griff kriegen.

Nun zu den European Games und dem sehr erfolgreichem Ergebnis – habt ihr es so erwartet? 

Als Mannschaft hatten wir gehofft, dass es so gut läuft. Wir haben uns immer nur vorgenommen unsere Übungen zu zeigen und wussten, dass wenn wir durchturnen, wir es schaffen. Dass es so gut geklappt hat und Silber geworden ist, ist der Hammer! Gleich nach dem ersten Tag standen wir auf dem zweiten Platz und haben uns Gedanken gemacht, dass jetzt noch die zwei Geräte folgen, die von deutscher Sicht nie die Besten sind: Balken und Boden. Da haben wir nicht die großen Schwierigkeiten. Wir wussten aber, dass wenn wir durchturnen wir auf dem Treppchen landen könnten. Den dritten Platz haben wir uns ausgemalt, dass wir den zweiten halten konnten war gigantisch.

 

War der Modus des Wettkampfes, zwei Geräte am ersten und zwei Geräte am zweiten Tag, besser?

Da wir erst Barren und dann Sprung und am zweiten Tag Boden und Balken hatten, also eine komplett andere Rheinfolge, war es auf jeden Fall ungewohnt. Die Schweizer hatten zum Beispiel am ersten Tag Sprung und Barren und am zweiten Balken und Boden. Besser wäre gewesen, dass jede Mannschaft einmal die verdrehte Rheinfolge hat. Letztendlich waren es am Tag nur zwei Geräte und deswegen war es für mich kein Problem. Am zweiten Tag ist man natürlich etwas platter, aber es wäre auch nichts anderes rausgekommen, wenn alle Geräte am ersten Tag gewesen wären.

Wie fühlt es sich an mit den Männern in einer Halle zu turnen? 

Beim Bundesligafinale oder den Deutschen Meisterschaften turnen die Männer auch gleichzeitig. Der Unterschied war, dass die Halle auch anders aufgebaut war: die Frauen-Geräte waren komplett auf einer Seite. Beim Podiumstraining waren zwei Sprünge nebeneinander aufgebaut und wir mussten uns mit den Männern absprechen, damit wenn wir bei der Landung aus der Zone springen nicht zusammenstoßen. Beim Wettkampf stand nur ein Tisch, aber zwei Bodenflächen, d.h. die Männer mussten gleichzeitig mit einer Bodenmusik turnen. Sonst war die Stimmung sehr gut vorallem bei uns, weil gleichzeitig die Aserbaidschanischen Männer geturnt haben. Die Aserbaidschanischen Zuschauer wurden dazu animiert laut anzufeuern, deswegen habe ich meine Bodenmusik fast nicht gehört und am Balken muss man die Nerven behalten, um nicht vor lauter Gebrülle die Konzentration zu verlieren. Es hat aber auf jeden Fall Spaß gemacht. Es war eine super Erfahrung, auch im olympischen Dorf alle anderen Sportler aus anderen Ländern zu treffen. Im Recreation Center gabs Tischtennisplatten und Snacks und Fernseher, wo auf jedem Sender eine Sportart gezeigt wurde.

Schaust du dir deine Übungen selbst nach dem Wettkampf an?

Ich schau sie mir immer gerne an vorallem weil sie so gut liefen.

Am Barren hast du dein neues Flugelement zweimal gezeigt, im Team- und Mehrkampffinale und im Gerätefinale nicht. Wieso? 

Das erste Mal habe ich meine Übung mit dem Hindorff in Mannheim gezeigt. Die Übung war gut der Abgang nicht, da ich konditionell noch nicht fit war. In Trauenreut habe ich sie erneut gezeigt und sie hat super funktioniert und danach habe ich den Hindorff zwei/drei Wochen gar nicht gehangen. Bei Flugelementen ist es letztendlich so, dass ich sie für eine Zeit wieder verlerne und dann sind sie wieder da. Ähnlich war es beim Jäger und Shapo. Ich habe die ganze Zeit gehofft, dass es bis Baku wieder geht und genau die Woche bevor wir geflogen sind hat es wieder funktioniert. Da ich aber nie volle Übungen geturnt habe, hatte ich dann konditionell wieder Probleme. In Baku ging es letztendlich wie geschmiert. Da ich aber im Mehrkampffinale vorbeigeflogen bin und sehr schlecht gelandet bin – meine Unterarme sind vor der Landmatte auf der harten Matte aufgekommen – hatten wir Bedenken ob es gehen wird. Die Ärzte und Physios haben einen guten Job gemacht und wir, meine Cheftrainieren und ich, haben beschlossen nichts zu riskieren und die Übung ohne den Hindorff zu machen. Die Übung hat auch nur einen um ein Zehntel geringeren Ausgangswert: mit dem Hindorff habe ich den gleichen Ausgangswert wie Mustafina 6,5 und ohne 6,4 und die nächste Turnerin hatte 5,9.

Wie fühlt es sich an eine der besten Barren-Turnerinnen der Welt zu sein? Sogar Aliya Mustafina ist ja inzwischen greifbar für dich. 

Es waren nur Zehntelchen. Meine Barrenübung war aber perfekt, es war alles auf den Punkt. Nur etwa drei Zehntel haben durch Handstände gefehlt. Mustafina hat ebenfalls alles auf den Punkt geturnt, sie bekommt nur bei ihren Riesen vor dem Abgang Abzug. Für mich fühlt es sich unglaublich an. Ich hatte niemals damit gerechnet an die Spitze zu kommen und zusätzlich habe ich am Balken gut Chancen. Eigentlich war es auch nur Dummheit von mir, dass ich beim Finale an den Balken gegriffen habe, sonst wäre das auch der dritte Platz gewesen. Ich habe  ein Ausrufezeichen gesetzt und bei der WM zeige ich, was ich kann. Natürlich wird es dort schwieriger weil die USA und China dabei sind.

Was hast du gedacht als du auf dem Treppchen standest? Wie fühlt man sich dabei? 

Man realisiert anfangs nicht was man geleistet hat. Erst wenn man die eigene Fahne sieht, denkt man darüber nach was man getan hat. Man ist so stolz auf sich – ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe an meine JEM gedacht, wo ich am Barren Erste geworden bin. Es war unbeschreiblich für mich.

Hat dir die Unterstützung deiner Trainieren (Gabi Frehse) und deiner Mutter geholfen?

Zu wissen, dass jemand anwesend ist der mich auch in den Arm nimmt wenn es nicht klappt, war gut. Für mich war es wichtig, dass ich meine Trainerin vor dem Wettkampf nochmal getroffen habe und reden konnte. Das hat mir die Aufregung genommen. Es so schön, dass meine Mutter sich die Wettkämpfe nicht entgehen lässt.

Wie wird es entschieden welcher Trainer mit euch mitfährt? 

Elis Trainer, der Robi (Robert Mai), kann am Boden Akros halten. Unser Trainer am Boden ist Gerrit, der aus Holland kommt. Gabi gibt Tipps am Boden ist aber vorsichtig beim Halten auf Grund von Hüftproblemen.

Es darf also nur ein Trainer mitfahren?

Ja. Ich hätte Gabi natürlich gern dabei gehabt. Ich hoffe, dass sie zur WM mit darf.

Wie viele Tage gibts vor so einem großen Event wo nichts klappen will?  

Die zwei Wochen nach Trauenreut liefen nicht ganz so gut. Man hat große Bedenken, dass es kurz davor erneut nicht klappen kann. Aber man holt sich dann gute Tage ins Gedächtnis und führt sich vor Augen für was man trainiert.

Ist es ein Vorteil, dass du nun zusammen mit Pauline Schäfer trainierst? 

Es ist auf jeden Fall gut, da wir uns gegenseitig pushen können. An manchen Tagen klappt es bei mir besser und an anderen bei ihr. Dadurch kann man sich gegenseitig motivieren. Es ist gut, dass wir beide im gleichen Alter sind und zum einen Konkurrenten sind, aber gleichzeitig auch Freundinnen. Das Training ist auf jeden Fall jetzt viel schöner.

Ihr turnt nun auch bei den Bundesligawettkämpfen zusammen und habt dann überraschend den ersten Platz in Trauenreut geturnt.  

Wir wussten gar nicht was wir sagen sollen. Ich wusste, dass mein Wettkampf gut war, habe aber nicht auf die Tabelle geschaut um die Platzierungen anzuschauen. Nach meiner letzten Übung wurde ich im Nebenraum vom Physio-Team behandelt und meine Trainerin Gabi hat mir erzählt, dass wir gewonnen haben. Das war so witzig in dem Moment, wir konnten es nicht richtig glauben. Es war natürlich ein Vorteil, dass Stuttgart nicht komplett war.

Inzwischen trainiert sogar eine dritte Turnerin aus deiner Mannschaft für die WM, Linnea Wang. Trainiert sie fest bei euch? 

Genau. Sie trainiert bei uns im Team bis zur WM mit. Je nachdem ob sie sich für ihr Land qualifiziert bleibt sie in Chemnitz oder nicht. Sie muss selbst alle Wettkämpfe bezahlen was nicht wenig ist, nur in Baku hatte sie Glück, da Aserbaidschan alles gezahlt hat, auch die Flüge.

Was sind deine Ziele für später?

Ich habe noch keine Idee und bin der Bundeswehr beigetreten um mir nun Gedanken zu machen. Ich will auf keinen Fall im Büro sitzen. Ich muss mich bewegen können. Ich versuche zwischendurch Praktika zu machen, da ich jetzt die Zeit dafür habe.

Eine letzte Frage: Turnwettkämpfe sind sehr unattraktiv für Zuschauer, hast du Ideen wie man das ändern kann?

Das Problem ist das Turnen so kompliziert zum verstehen ist. Jeder sieht zwar, dass ein Sturz Abzüge gibt, aber mit Zehnteln können Außenstehende nichts anfangen. Ich kann selbst nicht sagen, was man besser gestalten kann. In Amerika habe ich mich fast  wie ein Fußballer gefühlt beim American Cup. Das Publikum bei deutschen Wettkämpfen ist viel älter.

Danke für das Interview und ganz viel Glück für die nächsten Wettkämpfe.

 

Sophies Silberübung:

Montage zu den EGs in Baku von Turnmaus:

Fotos von der Bundesliga:

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2 Kommentare auf "Interview mit Sophie Scheder"

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Kathi
Autor

Warum muss Linnea den Wettkampf selbst zahlen?

Min
Mitglied

Weil sie für Dänemark turnt. Da scheint das wohl so normal zu sein

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