„We may have come in different ships, but we are all in the same boat now“

Weiter geht es in unserer Serie, in der uns Louisa Marie Knapp aus ihrem Leben als Student Athlete an der University of Anchorage, Alaska berichtet.

Der Start in Amerika

Mein Start in Alaska war, wie man sich vielleicht vorstellen kann, nicht gerade leicht, aber auch sehr schön zugleich. Wir waren am Anfang sieben Freshmen (so nennt man an amerikanischen Unis die Studenten im 1. Jahr) im Gymnastics Team. Das ist für ein damals noch 16-köpfiges Team sehr viel. Das hat es mich etwas leichter gemacht, weil dadurch alles mehr erklärt wurde und es ja für alle Freshmen etwas ganz neues ist und nicht nur für internationale Turnerinnen.

Die Freshmen-Class 2017

Ankommen

Die ersten 2 Wochen waren sehr stressig. Wir sind in unsere Apartments (auf dem Campus, gegenüber vom Sportzentrum) eingezogen und mussten dafür natürlich viel shoppen gehen (die amerikanischen Läden haben mich total überfordert). Es mussten viele kleine Dinge erledigt werden: ärztliche Untersuchen, Bücher abholen, Klassenräume finden, Vorträge über die Regeln an die man sich als student-athlete halten muss, Doping, Fairplay, etc…

Unterstützung durch das Team

Jeder Freshman hat einen „Mentor“, einen Junior oder Senior (Studenten im 3. oder 4. Jahr) im Team zugeteilt bekommen, den man alles fragen kann und der sich auch sonst ab und zu mal kümmert. Zu Anfang war ich sehr schüchtern und hatte total Angst englisch zu sprechen, aber durch die offene Art der Mädels hat sich das relativ schnell gelegt. Außerdem hatten wir in der ersten Woche ein Dinner bei einem unserer Coaches zu Hause, wo uns die groben Ziele – akademisch und sportlich – vorgestellt wurden und die nächsten wichtigen Events besprochen wurden.

Louisa und ihr Mentor Nikki

Training

Das Training war am Anfang etwas komisch, weil es noch nicht „offical“ war, d.h. dass man keine Aufgaben von den Coaches bekommt und im Prinzip das trainieren kann, was man möchte. Das liegt daran, dass die NCAA nur eine bestimmte Anzahl an „official practices“ erlaubt. Aber für den Anfang war das ganz gut, weil man sich so an die amerikanischen Geräte gewöhnen konnte, die doch sehr anders sind.

Insgesamt ist das Training sehr strukturiert und alle Aufgaben/Versuche/Übungen/Elemente werden dokumentiert. Außerdem haben wir an jedem Gerät Fernseher, sodass man sich seine Fehler anschauen und analysieren kann.

Unileben

Nach einer Woche ging dann die Uni los. Ich studiere „Kinesiology“, was in etwa Bewegungs-/ Sportwissenschaften in Deutschland entspricht. In meinem ersten Semester hatte ich allerdings nur 2 Classes für meinen „Major“. Die anderen 3 Kurse waren Pflichtkurse, wie z.B. Mathe und Englisch, die jeder belegen muss.

Tagesablauf

Mein Tag beginnt jeden Tag um 5:30 Uhr, da um 7:00 die erste Trainingseinheit anfängt und ich meistens um 6:30 Physio habe. Nach der ersten Einheit habe ich Uni, danach 3 mal pro Woche eine Extraeinheit im Kraftraum für Beinkraft. Danach folgt die 2. reguläre Trainingseinheit, gefolgt von Physio. Ab ca.18:30 mache ich dann Hausaufgaben, lerne oder mache was lustiges mit den anderen Freshmen aus dem Team. Häufig kommen noch Termine mit Ernährungsberatern oder Ärzten dazu oder wir haben Events, wo wir als Team (natürlich immer gleich angezogen) erscheinen müssen.

Teamspirit

Wir haben 20 Stunden die Woche offizielles Training, da muss man erscheinen und alle müssen den gleichen Anzug/ das gleiche Top, die gleiche Shorts und das gleiche T shirt anhaben. In den offiziellen Trainings haben wir im Großen und Ganzen alle die gleichen Aufgaben an den Geräten, es sei denn man war/ist verletzt. Zusätzlich gibt es „optional practice“, was freiwillig ist. Da hat man keine genauen Aufgaben und kann an dem trainieren, was man für nötig hält, außerdem darf man meistens anziehen was man möchte. Wenn man allerdings Aufgaben im offiziellen Training nicht beendet, muss man die manchmal im optional practice fertig machen. Einige haben zusätzlich noch extra Einheiten im Kraftraum, um an bestimmten Schwächen zu arbeiten.

Es gibt ziemlich viele Regeln im Team bzw. im Training. Wenn bestimmte Regeln, wenn auch nur von einer Person gebrochen werden, muss das ganze Team „Team punishment“ machen. Dann kommen wir entweder Sonntags, wenn normalerweise frei ist, oder vorm normalen Training um 6:00 in die Halle und machen Strafkraft. Insgesamt wird der Fokus immer auf das Team gelegt, aber gleichzeitig wird jede Turnerin auch individuell geschätzt und behandelt. Am Anfang war es etwas komisch, dass das Team über allem steht und alles durch den Coach kontrolliert wird (wir haben z.B. bestimmte Zeiten (9 stunden pro Woche), wo wir alle zusammen Hausaufgaben machen oder lernen müssen).

Insgesamt muss man schon sehr gut vorausplanen, wenn man mal etwas „außerhalb“ der Turn-, oder Uniaktivitäten machen möchte. Aber so ist das Team schon nach kurzer Zeit meine Familie geworden. Wir sind sehr eng miteinander, reden über alles und ich habe noch nie so viel Zusammenhalt in einer eigentlichen Einzelsportart wie Turnen erlebt. Im Training wird jeder bei jedem Versuch angefeuert, vor und nach jedem Training machen wir einen von unseren sehr vielen „Cheers“. Wenn jemand etwas nach langer Zeit wieder schafft oder was neues lernt, freut sich die ganze Halle. Natürlich werden die Trainer auch mal strenger und uns wird auch oft gesagt, dass uns klar sein muss, dass wir noch weit weg von unseren Zielen sind, aber insgesamt ist die ganze Atmosphäre sehr positiv, weil sich alle gegenseitig unterstützen. Wir haben ein Zitat in unserem Teamraum, was unser Team sehr gut beschreibt: „We may have come in different ships, but we are all in the same boat now“. Ich habe noch mit so vielen hochmotivierten Turnerinnen zusammentrainiert. Alle sind stolz und dankbar im Team zu sein und das merkt man.

Andere Rituale, die ich sehr gut finde sind z.B., dass wir einen Satz mit Karten mit Wörtern auf einer Seite und deren Bedeutung auf der Rückseite im Lockerroom haben und wir uns jeden Tag ein Wort auf den Arm schreiben, sodass wir im Training an das Wort erinnert werden (z.B. „Dedicated“, „Positive“, „Happy“, „Focused“, „Desire“, „Dream“, etc.). Wenn man selber denkt, dass man das Wort nicht so gut umgesetzt hat, nimmt man das gleiche Wort für den nächsten Tag nochmal. Sonst nimmt man ein neues. Außerdem hat jeder die Möglichkeit jeden Tag eine „Award“ zu vergeben. D.h., dass man der Turnerin, wo man denkt, dass die an dem Tag sehr fleißig/mutig/gut/positiv im Training war, einen Stern für den Tag in einer Liste, die im Lockerroom hängt, gibt. Das kann sehr motivierend sein, wenn man merkt, dass andere sehen, wie sehr man sich anstrengt.

 

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