[Interview] „Show statt Wettkampf“

Nach Sarahs Post zur ersten Bundesliga und unseren Fragen, wieso das Bundesligateam aus Karlsruhe dieses Jahr gemeinsam mit Sophie Scheder, Pauline und Helene Schäfer startet, hat die KRK Karlsruhe uns zu einem Interview eingeladen. Ich habe die Chance gehabt mit Tatjana Bachmayer, der Trainerin des Teams, über die Bundesliga zu sprechen.

Quelle: KRK, Tatjana Bachmayer und ihre Turnerinnen

Wir haben über drei Themen geredet: den Start der Chemnitzer Mädels, das Scoring System bei den Frauen und über mögliche andere Änderungen

Chemnitzer Turnerinnen

Letzte Jahr hat Tatjana gegenüber Gabi Frehse, der Trainerin von Scheder und den Schäfers, erwähnt, dass die „Turnerinnensituation“ für dieses Jahr eher schlecht aussieht. Leah und Pauline haben erst vor kurzem ihr Abitur geschrieben und Maike hatte Anfang des Jahres eine geplante OP. Chemnitz stand vor einer ähnlichen Situation, da Sophie Scheder am Knie operiert wurde. Beiden Trainerinnen war klar, dass ein Kampf um den Titel so nicht möglich ist. Zumal der MTV Stuttgart auch schon die letzten Jahre klar Vorne lag. Daraus entstand die Idee ein gemeinsames „Senioren-“ und ein „Juniorenteam“ zu melden. So könnte eine Mannschaft aus Senioren eine Chance haben um den Titel mitzukämpfen und die Junioren hätten mehr Geräteeinsätze.

Diese Idee wurde nach einem Anruf von Gabi umgesetzt. Dass Zeitungen den Wechsel falsch verstanden haben und veröffentlicht haben, dass Pauline und Sophie nach Karlsruhe wechseln, war überraschend und falsch.

Scoringsytem in der Bundesliga

Ich habe direkt gemerkt, dass diese Thema bei vielen Vereinen der ersten Bundesliga eine starke Diskussion und viel Missmut hervorgerufen hat. Umso besser war es durch das Interview zu verstehen, wo dieser Missmut herkommt.

Interessant ist sicherlich, dass mehrere Vereine gemeinsam letztes Jahr einen Brief an die DTL aufgesetzt haben und sich gegen das Scoringsystem ausgesprochen haben und auch ihre Gründe, die gleich folgen, genannt haben. Bei der Abstimmung war die erste Bundesliga mehrheitlich gegen die Entscheidung. Es hat keine offene Diskussion zwischen den Trainern der Turnstützpunkte und der DTL stattgefunden. Tatjana räumt selbst als Fehler ein, dass bei den Sitzungen der DTL eigentlich nie die Trainer teilnehmen, sondern Repräsentanten der Vereine. Sie ist aber der Meinung, dass eine gemeinsame Diskussion mit allen Trainern hilfreich gewesen wäre.

Sie selbst hätte nichts dagegen, wenn das Scoringsystem beim DTL-Finale eingesetzt wird. Sie ist gegen einen Einsatz im Ligabetrieb aus folgenden Gründen:

  • Bei den Männern wird das Scoringsystem seit Jahren eingesetzt um Wettkämpfe spannender zu machen. Je nach Abstand der Wertung bekommt der bessere Turner zwischen einem und fünf Punkten. Es turnen nur zwei Mannschaften gegeneinander.
    Nach Tatjanas Verständnis soll das Scoringsystem ab nächstem Jahr in allen Ligen eingesetzt werden. Dabei soll es wahrscheinlich zu einer Teilung der Liga kommen, so dass die ersten und die letzten vier Mannschaften gegeneinander Turnen. Weitere Informationen hat sie bis jetzt nicht. Ein gleiches System, wie bei den Männern, dass zwei Mannschaft gegeneinander turnen, geht auf Grund der Zahl der Wettkämpfe nicht. Das Hauptziel ihrer Turnerinnen ist die internationale Karriere, dafür haben sie sich selbst entschieden. Die Bundesliga ist dann zweitrangig. Mit der Nationalmannschaft sind Turnerinnen, wie Pauline und Leah, viel unterwegs auf World Cups, WMs, EMs und zuletzt bei Olympia. Dadurch bleibt nicht viel Zeit für weitere Wettkämpfe. Sie kann sich aber gut vorstellen, dass in den anderen Ligen mehrere Wettkämpfe möglich wären, da dort die Bundesliga das absolute Highlight des Jahres ist.
  • Im Gegensatz zur Männerliga, turnen bei den Frauen 12-jährige Mädchen. Diese sind schon jetzt unter Stress. Wenn sie an einem Gerät stürzen, geben sie sich selbst die Schuld für einen schlechten Platz. Beim Scoringsystem müssten diese jungen Mädchen gegen Elisabeth Seitz, Kim Bui oder auch Pauline Schäfer antreten. Der Druck steigt dadurch natürlich enorm. Tatjana würde sogar eine Streichwertung bevorzugen (Im Moment turnen in der ersten Bundesliga vier Turnerinnen am Gerät und vier kommen in die Wertung. Eine Streichwertung würde bedeuten, dass nur drei Turnerinnen in die Wertung kommen)
    Zwischenfrage: Könnte man das Altersminimum nicht hochsetzen?
    Tatjana hat durchaus darüber nachgedacht, sieht hier aber zwei Probleme. Zum einen hätten die meisten Vereine (zumindest die der ersten Bundesliga) keine Mannschaften mehr und zum anderen sieht sie die Wettkämpfe als ideale Vorbereitung für die jüngeren Turnerinnen auf internationale Einsätze. Für Junioren gibt es relativ wenige Wettkämpfe auf großer Bühne in Deutschland und die Bundesliga bietet die Möglichkeit neue Elemente im Wettkampf zu testen.

Änderungen 

  • Spannung Diese Thema ist in Karlsruhe wohl stark diskutiert und wurde sicherlich nicht dieses Jahr das erste mal angesprochen. Tatjana sieht hier vor allem das Problem, dass Turnen schwer verständlich für Zuschauer ist. Sie selbst kennt das Gefühl nicht viel über die Wertungen bei einem Wettkampf zu verstehen durch die RSG Wettkämpfe ihrer Tochter. Für sie ist allerdings fraglich, ob das Scoringsystem zur Verständlichkeit beiträgt. Sie kann sich vorstellen, dass das Turnen gegeneinander bei den Männern ausschlaggebend sein könnte. Beim DTL-Finale in Karlsruhe war die Stimmung in der Halle bei den Frauen zum Beispiel super gut, und Karlsruhe hat ganz knapp den Titel verpasst. Bei den Männern hingegen war die Stimmung vergleichsweise schlecht, da das Niveau der Mannschaften stark unterschiedlich war.
  • Daraus folgt Tatjana dass, Wettkämpfe generell mehr Musik und mehr Show haben müssten und kürzer sein sollten. Der Wettkampf sollte wie ein Zirkus (nicht wie der typischen Zirkus um die Ecke, sondern eher wie Cirque du Soleil) sein mit Lichteffekten, starker Moderation und Musik.
    Zwischenfrage: Wie kann ein Wettkampf kürzer gestaltet werden?
    Dazu hat sie keine direkte Lösung aber ein paar Ideen. Man könnte zum Beispiel jeden Wettkampf zwei Geräte losen, an denen geturnt wird. Das könnte auch im Moment dazu führen, dass der MTV Stuttgart nicht immer gewinnt. Zusätzlich könnten alle Geräte gleichzeitig turnen, immer zwei Mannschaft im Wechsel . Mit einer besseren/anderen Moderation würden die Zuschauer trotzdem verstehen, welcher Verein wo turnt.
  • Fans und News Als letztes Thema haben wir über Newsbeiträge und Fans bei Wettkämpfen gesprochen. Dabei ist mir sofort aufgefallen, dass in der Turnwelt noch nicht wahrgenommen wird, wie viele Fans unsere “kleinen” Turnerinnen haben und wie viele Menschen an News zum Turnen und zu ihren Lieblingsmannschaften interessiert sind. Das Karlsruher Team scheint eher überrascht zu sein, wie viele Fans ihre Facebookposts liken und kommentieren. Eine klare Meinung in welche Richtung es im Newsbereich gehen könnte hat Tatjana nicht.
    Auf meinen Vorschlag, dass man diese Fans besser einbeziehen muss und ihnen die Möglichkeit geben muss, mit den vereinseigenen Zuschauern im gleichen Fanblock zu sitzen, damit sie eine gewisse Zusammengehörigkeit spüren, hatte sie den Vorschlag diese schon zum Training am Freitag einzuladen, wo es eventuell auch möglich wäre ihre Lieblingsturnerinnen kennenzulernen.

Vielen Dank für das Interview!

 

 

Ich nehme aus dem Interview mit, dass eine Änderung des Ligasystems zwar dringend nötig ist, aber im Moment ganz und gar nicht klar ist, welche Änderungen gut wären. Ist es das Scoringsystem oder eher die „Show statt der typische Wettkampf“. Hier wäre es sicherlich hilfreich, wenn sich alle Beteiligten, nicht nur die Repräsentanten und die DTL an einen Tisch setzen und dieses Thema diskutieren. Ich denke ein guter Mix aus Zuschauern, Presse, Trainer, Vereine und auch Athleten wäre hier hilfreich.

 

Ich wünsche dem Team der KRK viel Glück beim Wettkampf, ob sie nun für Chemnitz oder für ihr Team starten.

 

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5 Kommentare auf "[Interview] „Show statt Wettkampf“"

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lisa
Gast
Ich finde es auf jeden Fall eine sehr gute Idee von Chemnitz und Karlsruhe ihre Kräfte zu bündel und freue mich auf mehr Spannung im Titelkampf. Was ich allerdings nicht ganz nachvollziehen kann ist immer diese Anspielung, dass Stuttgart sich vor allem durch die bessere finanzielle Position und Einsatz von Ausländerinnen diese Titelserie erkämpft hat. Fakt ist, dass Stuttgart in den letzten Jahren sehr oft ohne Ausländerin geturnt hat, wohingegen Karlsruhe des häufig eine ausländische Turnerin am Start hatte. Hier ein Überblick über die im Finale eingesetzten Ausländerinnen der letzten Jahre: 2009 (Meister Stuttgart): Stuttgart: Jana Sikulova; Karlruhe: Rebecca Wing;… Read more »
Elena
Gast

„Freie Presse“…( mit Sitz in Chemnitz) darf man nicht immer für voll nehmen, da wird oftmals gegen andere Vereine und Turnerinnen polemisiert, gerne auch ohne Recherche.
Und wie man an dem Zweckbündnis Karlsruhe-Chemnitz sieht, scheuen diese Vereine keine Mittel und Wege, um den Meistertitel anzupeilen. Was man im Falle von Karlsruhe auch an den Zukäufen ausländischer Turnerinnen in den letzten Jahren gut sehen konnte. ( Sie waren ja finanziell auch immer sehr gut aufgestellt…)
Das ist ja alles legitim und nachvollziehbar, iaber ich finde es kindisch, auch unprofessionell, wie eine beleidigte Leberwurst gegen Stuttgart zu wettern.

Sarah
Gast

Ich finde es sehr schön, dass von der KRK so offen über das Thema geredet wird und Hannah eingeladen wurde. Jede Entscheidung birgt Vor- und Nachteile und die Vereine sollten selbst entscheiden, was sie gut finden. Ich fand es bisher jedoch immer schön, die deutsche Spitze auf mehrere Vereine (vor allem Stuttgart, Karlsruhe, Chemnitz aber nicht nur) aufgeteilt zu sehen. Und eine Veränderung im Bundesligamodus bringt frischen Wind. Diese sollte nur wirklich durchdacht und von den meisten angenommen werden.

Mike
Gast
Das Neue Scoring System ist wohl nicht das was es scheint. Habe das Sonderheft vom Ligawochenende gelesen und bin etwas schockiert: 1) Durch die Unterteilung in zwei Gruppen ist es den Teilnehmer aus Gruppe zwei erst im ZWEITEN Jahr möglich Sieger in der entsprechenden Liga zu werden, da sie sich ja erst über das kleine Finale in die Gruppe 1 der jeweiligen Liga hochturnen müssen. 2) Wer von 1 Buli in die 3 Buli möchte, sagen wir mal aus Personalmangel braucht dafür min 2 Jahre, da man nur Gruppenweise absteigen kann also 1. Buli Gruppe 2 nach 2. Buli Gruppe… Read more »
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